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Die Reuss­brü­cke

Sie ste­hen vor der geschichts­träch­ti­gen Holz­brü­cke, wel­che Hünen­berg mit Sins ver­bin­det. Lange Zeit bil­dete sie den ein­zi­gen Fluss­über­gang zwi­schen den Brü­cken in Brem­gar­ten und Gisi­kon. Sie ersetzte den mit­tel­al­ter­li­chen Fährbetrieb.

Im 15. Jahr­hun­dert hielt näm­lich noch eine Fami­lie Senn hier einen Fähr­be­trieb auf­recht. Heini Senn erhielt 1466 von den Genos­sen zu Hünen­berg sogar das Genos­sen­recht und durfte seine Schweine im nahen Wald wei­den las­sen, unter der Bedin­gung, dass er die Hünen­ber­ger unent­gelt­lich über die Reuss füh­ren müsse. 1486 ver­kaufte Andreas Senn das Fahr an die Stadt Zug, erhielt es jedoch als Pacht wie­der zurück.

Immer wie­der wurde von Unfäl­len auf der Reuss berich­tet, Die Sage „Das Licht an der Reuss“ erzählt von einem sol­chen Ereig­nis. Der fol­gen­schwerste Unfall mag jener aus dem Jahre 1627 dar­stel­len. Vier­zig Hitz­kir­cher Wall­fah­rer kehr­ten von ihrer Pil­ger­fahrt nach Ein­sie­deln zurück. Beim Ueber­que­ren der Reuss ken­terte die Fähre, und das hoch­ge­hende Was­ser riss alle in den Tod.

Die erste Brü­cke 1641

Die Reussbrücke anfangs des 18. Jahrhunderts. Das «Wirtshaus zur Kanne» liegt links der Brücke. Erst 1721 wurde auf der nördlichen Seite, also rechts der Brücke, das heutige «Zollhaus» eröffnet. Ebenfalls zu sehen sind die Schanzungen, die Befestigungen der Auffahrt zur Reussbrücke.

Die Reuss­brü­cke anfangs des 18. Jahr­hun­derts. Das «Wirts­haus zur Kanne» liegt links der Brü­cke. Erst 1721 wurde auf der nörd­li­chen Seite, also rechts der Brü­cke, das heu­tige «Zoll­haus» eröff­net. Eben­falls zu sehen sind die Schan­zun­gen, die Befes­ti­gun­gen der Auf­fahrt zur Reussbrücke.

Mag sein, dass die Zuger die­sen schreck­li­chen Umstand als Vor­wand benutz­ten, anstelle der Fähre eine Brü­cke zu errich­ten. In Wirk­lich­keit spiel­ten die wirt­schaft­li­chen Über­le­gun­gen die grös­sere Rolle. Wenn es gelänge, die Frei­äm­ter Bau­ern auf den Zuger Markt zu brin­gen, wäre dies ein Stand­ort­auf­wer­tung. Der Markt­weg nach Zug konnte somit kür­zer wer­den als der bis­he­rige nach Luzern über die Brü­cke bei Gisikon.

Die Tag­sat­zung musste das Ein­ver­ständ­nis geben und da waren es vor allem die Luzer­ner, die den Bau zu ver­hin­dern such­ten, denn sie befürch­te­ten Markt­ein­bus­sen. Doch die Zuger grif­fen zu einer List, um ein Luzer­ner Nein abzu­wen­den. Der Stadt­rat legte am 17. März 1640 dem Amts­rat den Plan einer gedeck­ten Holz­brü­cke bei Sins vor. Unmit­tel­bar dar­nach began­nen die Bau­ar­bei­ten, noch bevor die Tag­sat­zung dar­über befin­den sollte, und dann war zu spät für Einwände.

Nach einer 16-monatigen Bau­zeit unter der Lei­tung von Bau­meis­ter Michael Speck konnte die Brü­cke 1641 frei­ge­ge­ben wer­den. Da waren aber noch die Hünen­ber­ger. Bis­her muss­ten sie ja kei­nen Fähr­lohn ent­rich­ten, nun aber hat­ten auch sie den Brü­cken­zoll zu leis­ten, was sie sehr erboste. Um die­sen Unmut zu bre­chen erklärte des­halb Franz Josef Wickard an der Mai­en­ge­meinde in Zug am 8.Mai 1672, dass die Hünen­ber­ger beim Brü­cken­bau treu mit­ge­hol­fen hät­ten und man von ihnen nur den hal­ben Zoll ver­lan­gen möge.

Das erste Zoll­haus 1721

Mit dem Brü­cken­bau erstell­ten die Zuger eben­falls ein Zoll­haus, wel­ches das Taver­nen­recht hatte. Es befand sich beim Aus­gang auf der Hünen­ber­ger­seite rechts. Der Zol­ler und Wirt Michael Moos nannte die Taverne 1678 „Gast­haus zur Kanne“. 1721 ersetzte jedoch das neue Gast­haus „Zoll­haus“, nörd­lich der Strasse lie­gend, die „Kanne“.

1798 dran­gen die Fran­zo­sen über die Brü­cke ins Zug­er­land, ver­brei­te­ten Schre­cken und ver­wüs­te­ten auch das Zollhaus.

Die zweite Brü­cke 1809

Unter­des­sen war die bau­fäl­lige Brü­cke in die Jahre gekom­men und musste 1809 vom Luzer­ner Stadt­bau­meis­ter Rit­ter neu erstellt wer­den. Nach der Media­tion gin­gen die Besitz­ver­hält­nisse von der Stadt zum Kan­ton Zug über. Ein Hin­weis dar­auf bil­den die Jah­res­zahl 1835 mit dem Zuger Wap­pen am klei­nen Zollhäuschen.

Noch­mals erlebte die Sin­ser­brü­cke schlimme Zei­ten. Der Son­der­bunds­krieg ent­zweite die Eid­ge­nos­sen­schaft. Da die Son­der­bund­skan­tone der Inner­schweiz Ziel der eid­ge­nös­si­schen Trup­pen dar­stellte, rückte unwei­ger­lich unsere Brü­cke ins Zen­trum des Gesche­hens. Die Son­der­bund­s­trup­pen ver­such­ten dem Geg­ner den Ein­marsch ins Zug­er­land zu ver­weh­ren, indem sie am 10. Novem­ber 1847 ein mit Spreng­stoff bela­de­nes Heu­fu­der in die Brü­cke führ­ten und zum Explo­die­ren brach­ten. Genützt hat es nichts, aber der zuge­ri­sche Brü­cken­teil war zer­stört. Er wurde 1852 nach den Plä­nen des Zür­cher Bau­meis­ters Stad­ler neu auf­ge­baut, was bei der Besich­ti­gung des Brü­cken­in­nerns durch die unter­schied­li­che Kon­struk­tion ables­bar ist.

Mit dem Auf­kom­men des Stras­sen­ver­kehrs wan­delte sich die Sin­ser­brü­cke zu einem wah­ren Nadelör.1945 wurde an Holz­brü­cke der gedeckte Geh­weg beigefügt.

Die Brü­cke wird alphal­tiert 1948

1948 die Strasse über die Brü­cke asphaltiert.

1978 wurde eine tech­ni­sche Ana­lyse der Brü­cke durch­ge­führt. Man stellte dabei fest, dass sich der Brü­cken­teil West (Sins) bei schwe­ren Last­wa­gen 1 bis 1.5 cm aus­bog und dann zurück­fe­derte. Der Aar­gauer Brü­cken­teil war fluss­ab­wärts um 15.5 cm der Zuger Teil um 4.5 cm ver­krümmt. Folg­lich wur­den ein Kreu­zungs­ver­bot auf der Brü­cke und eine Gewichts­li­mite von 20 Ton­nen für Last­wa­gen und 28 Ton­nen für Anhän­ger­züge erlas­sen und der Ver­kehr wurde fortan mit einer Licht­si­gnal­an­lage geführt.

Der Ver­kehr nahm mit der ver­stärk­ten Mobi­li­sie­rung in den sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jah­ren stets zu. Bevor die Auto­bahn A2, Basel-Luzern-Gotthard eröff­net wurde, fuh­ren tau­sende Tran­sit­rei­sende auf der Nord-Südachse auf ihrem Weg von Deutsch­land nach Ita­lien über die Holz­brü­cke. Die War­te­zei­ten am Licht­si­gnal vor der Brü­cke und bei den Bahn­schran­ken waren legendär.

Die neue Stras­se­brü­cke 1996

Die Kan­tone Zug und Aar­gau errich­te­ten daher eine neue Stras­sen­brü­cke, wel­che am 28. Sep­tem­ber des Jah­res 1996 fei­er­lich ein­ge­weiht wer­den konnte. Die alte Holz­brü­cke erlebt seit­her fast wie­der mit­tel­al­ter­li­che Zustände.

Vom «Meitli-Markt“ zum  «Brogge-Märt»

All­jähr­lich im Mai traf sich frü­her die „Gegend“ zum Mai­markt auf der Reuss­brü­cke. Im Volks­mund sprach man vom „Meit­li­markt“, weil man­che Freund­schaft oder Part­ner­schaft hier ihren Anfang fand. Zirka 1860 soll der Markt zum letz­ten Mal statt­ge­fun­den haben.

Bei der Eröff­nung der neuen Brü­cke im Jahre 1996 wurde erst­mals wie­der ein Markt auf der Brü­cke ver­an­stal­tet. Es wurde in der Folge ein Ver­ein gegrün­det, der seit­her all­jähr­lich am letz­ten Sams­tag im Sep­tem­ber den belieb­ten «Brogge-Märt» durch­führt. Es sind mitt­ler­weile zwi­schen 100 und 120 Markt­fah­rende, die sich beid­seits der Reuss und auf der Brü­cke ihr hand­werk­lich gepräg­tes Ange­bot prä­sen­tie­ren. Die Nost­al­gie des frü­he­ren «Meitli-Marktes» lebt damit weiter.

Im Jahre 2002 gas­tierte das Schwei­zer Fern­se­hen auf dem Hünen­ber­ger Zollhaus-Platz und hat die Fern­seh­sen­dung «Donnschtig-Jass» live über­tra­gen. Die Gemein­den Sins und Hünen­berg führ­ten im sel­ben Jahr mit­ein­an­der eine Bun­des­feier auf dem Zollhaus-Platz durch.

202 201

Auto­ren: Patri­cia Dier­meier Reichardt, Urs Felix, Guido Wetli
Fotos: Archiv, Andreas Buss­lin­ger, Urs Felix